Bowanga’s Weg zur FH 2
Meine Rhodesian- Ridgeback- Hündin Bowanga hatte ihre Begleithundeprüfung bestanden und wir waren auf der Suche nach einer neuen Beschäftigung, die für uns beide Sinn und Spass bringen sollte.
Für Bowanga, mit viel Jagdtrieb ausgestattet, manchmal überaktiv oder extrem gelangweilt, sollte es eine ausgleichende Beschäftigung sein. Zufällig hatten in unserer Hundeschule einige Hundebesitzer das gleiche Bedürfnis, und so bildete sich eine Fährtengruppe, die unter kompetenter Anleitung das Fährten erlernen wollte. Zweimal wöchentlich machten wir uns mit vier bis sechs Hunden auf den Weg zum Fährtengelände. Es machte Spass, schon der Weg dorthin war mit spielen und toben ausgefüllt, für Hund und Führer ein Vergnügen. Dann ging es an die Arbeit, die Hunde ruhten sich am Rande der Wiese aus und für uns ging es an´s Fährtenlegen. Den Beginn der Fährte kennzeichneten wir mit einem Holzstab, den s. g. Fährtenstab, der Ansatz der Fährte wurde etwas breiter getreten und mit zwei bis drei Leckerchen für den Hund deutlich gemacht. So erkannten unsere Hunde, dass dort die Fährte begann und dann ging es los. Die Leine hielten wir im Training beliebig lang, bei einer Prüfung muss sie 10 m lang sein und locker durchhängen. Anfangs legten wir eine kleine Gerade, diese bestückten wir mit dem Lieblingsfutter unseres Hundes. Am Ende dieser kleinen Fährte lag dann die Belohnung für den „weiten Weg“, das Lieblingsspielzeug des Hundes oder eine grössere Portion des Futters, bei Bowanga war es der Futterdummy. Am Ziel angekommen, gab es wieder eine Spielaktion und dann ging das „komplette Rudel“ müde und zufrieden zurück. Beim Fährten folgt der Hund nicht dem Eigengeruch des Fährtenlegers, dieser wird direkt an die Umwelt abgegeben und durch die Wetterverhältnisse abgetrieben. Der Fährtenhund folgt auch keinem Pflanzenduft, sondern er orientiert sich an dem Geruch der pflanzen- und bodenzersetzenden Mikroorganismen, die durch die Bodenverletzung des Fährtenlegers entstehen. Am Anfang sucht der Hund natürlich nur nach den Leckerchen und es empfiehlt sich, die Fährte immer einige Minuten liegen zu lassen. So ist der für ihn später wichtige Geruch auf der Fährte bereits von Anfang an für ihn vorrangig. Mit der Zeit legten wir die Fährten länger und hinzu kamen zwei Winkel sowie zwei Gegenstände, die der Hund verweisen sollte. Oftmals legten wir nur wenig und manchmal auch gar kein Futter. Die Gegenstände bestehen aus Filz, Leder oder ähnlichen Materialien, haben eine bestimmte Grösse und wurden innerhalb der Fährte gelegt, wobei ein Gegenstand am Ende der Fährte liegen muss. Alles geschah spielerisch und wir nahmen uns viel Zeit. Es war nicht immer einfach dem Hund zu verdeutlichen, dass er den Gegenstand verweisen sollte, ich benutzte dabei im Training das Wort „warte“. Dieses kennt und versteht sie, nach einer gewissen Zeit entstand dadurch die Verknüpfung. Individuell, wie unsere Hunde waren, wurde stehend, sitzend oder liegend verwiesen. Bowanga und ich entschieden uns für das stehende Verweisen, da sie Kälte und Feuchtigkeit nicht mag. Hier und da entstanden manchmal Blockaden, mal beim Hund, mal bei mir, aber diese lösten Bowanga und ich gemeinsam. Das Wichtigste ist, dass wir ankommen, das Ende der Fährte erreichen und wir unser Erfolgserlebnis haben. Mit der Zeit merkte ich bei meiner Bo, dass sie sich freute, sobald ich die „Fährtentasche“ packte. Sie konnte es kaum erwarten, die von mir gelegte Fährte auszuarbeiten. Eigentlich war das für uns beide die Motivation „uns prüfen zu lassen“. Bowanga und ich arbeiteten mittlerweile auf unsere erste Prüfung, der FP 1 hin. Die FP 1 bis FP 3 sind die Fährtenprüfungen, die zu jeder Ausbildung eines Schutzhundes erforderlich sind, haben jedoch nicht die Bedeutung und den Anspruch einer FH Ausbildung. Die Fährte hatte mittlerweile eine Länge von mind. 300 m und bestand aus zwei Winkel mit drei Schenkel und musste vom Hundeführer selbst gelegt werden. Die Fährte liegt dann mindestens 20 Minuten, bevor Bowanga diese ausarbeiten darf. Am Prüfungstag konnten wir zwischen Wiese und Acker wählen, wir entschieden uns für den Acker und bestanden unsere erste offizielle Prüfung mit 85 von zu vergebenden 100 Punkten, einem „gut“. Von nun an wurden alle weiteren Prüfungsfährten von einer Fremdperson, dem Fährtenleger gelegt. Die FP 2 und die FP 3 machten wir kurz hintereinander, auch diese bestand sie mit 85 und 90 Punkten, ein „gut“ und ein „sehr gut“. Der Unterschied zwischen beiden Prüfungen ist jeweils die Länge, die Anzahl der Winkel und Schenkel sowie das Alter der Fährte (drei Schenkel, zwei Winkel, zwei Gegenstände, 400m und FP 3: fünf Schenkel, vier Winkel, drei Gegenstände, 600m, Alter der Fährten 30 und 60 Minuten). Bowanga gab mir vor jeder Prüfung das Gefühl, dass sie merkte, heute ist etwas anders, heute „schnüffle“ ich besonders gut. Bisher ist sie durchmarschiert, hat alle Fährtenprüfungen nacheinander bestanden. Wir wagten uns an unser erstes grosses Ziel, die FH 1. Bei der FH 1 ist fast jedes beliebige Gelände möglich, ein Geländewechsel oft dabei, Büsche und Sträucher müssen durchquert werden, der Gang über einen Weg oder eine Strasse ist vorgeschrieben, die Fährtenlänge beträgt mind. 1200 m. Die Fährte muss mindestens drei Stunden liegen und wird eine halbe Stunde nach dem Legen von einer dem Hund fremden Person durchquert, sie besteht aus 7 Schenkeln, 6 Winkeln und 4 zu verweisende Gegenstände. Wir bestanden die FH 1 an einem total verregneten Tag, eigentlich vom Wetter her so ganz und gar nicht Bowanga’s Tag, mit 83 Punkten. Kurze Zeit später meldeten wir uns zur FH 2 an, eigentlich fast ohne Vorbereitung auf diese Prüfung, wir standen nur gerade gut im Training und wollten es einfach wagen. Sie fand, wie fast alle Prüfungen, im Regen statt. Die FH 2 hat eine Länge von mindestens 1800 m. Vorgeschrieben sind acht Schenkel, sieben Winkel, davon müssen zwei Winkel spitz sein, ein Bogen und sieben zu verweisende Gegenstände. Wie bei allen anderen Prüfungen auch dürfen keine Leckerlis oder sonstige Geruchsstoffe verwendet werden. Die gelegte Fährte muss mindestens drei Stunden liegen und wird 30 Minuten vor dem Ausarbeiten von einem fremden Fährtenleger mindestens zweimal durchkreuzt. Der Abgang zur Fährte befindet sich in einer Fläche von 20m x 20m. Der Fährtenleger steckt in einem Abstand von 20 Metern zwei Markierungspfähle, zwischen denen sich die Startlinie zur eigentlichen Fährte befindet, in den Boden. Direkt von der Startlinie oder von einem der zwei Markierungen geht der Fährtenleger weiter, um einen Identifikationsgegenstand abzulegen. Von dem Identifikationsgegenstand kann die Fährte rechts, links oder auch schräg verlaufen. Dieser Gegenstand unterscheidet sich nicht von den anderen Gegenständen. Der Hund muss sich den Ansatz der Fährte erstöbern, dafür werden ihm drei Minuten gewährt. Diesen Identifikationsgegenstand muss der Hund verweisen und dann beginnt die eigentliche Fährte, deren Verlauf dem Leistungsrichter vorher per Skizze vorgezeigt wird, sie hat einen natürlichen Verlauf, entspricht keinem bestimmten Schema. Der erste zu verweisende Gegenstand darf erst nach 250 m gelegt werden. Die Gegenstände werden vor dem Legen der Fährte dem LR vorgezeigt und nach Beendigung der Fährtenarbeit wieder ausgehändigt. Bei unserer letzten Prüfung, der FH 2, kreuzten zwei Rehe die gelegte Fährte. Sie schaute nur kurz hoch und fährtete konzentriert weiter. Seitdem gehe ich entspannter durch die umliegenden Wälder, ich denke ihr „Hobby“ hat ihren Jagdtrieb gedämmt. Bowanga bestand die FH 2 mit 96 von 100 Punkten und bekam ein „vorzüglich“. Aber es ist ganz gleich, ob geprüfter oder nicht geprüfter Fährtenhund, wichtig ist die Teamarbeit, das Gefühl gemeinsam eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Die Zusammenarbeit zwei- bis dreimal wöchentlich, bei jedem Wetter und das Erfolgserlebnis, dass am Ende jeder Fährte stehen sollte, das verbindet. Jeder Hund, ganz gleich welcher Rasse er angehört, braucht wie jeder Mensch eine Aufgabe, um zufrieden, glücklich und ausgeglichen zu sein. Fährten kann man mit seinem Hund jederzeit allein. Die körperliche Belastung des Hundes sollte dabei nicht unterschätzt werden. Bei einem intensiv suchenden Hund steigt der Puls und die Atmung und auch Fieberwerte können gemessen werden. Nach intensiver Fährtenarbeit kommt es vor, dass manche Hunde sich für nichts mehr interessieren und nur noch Sehnsucht nach Ruhe haben. Es ist in jedem Fall für Hund und Hundeführer ein schönes Hobby, eine ausgleichende Ergänzung zu ausgedehnten Spaziergängen. Auch heute, bei sehr stürmischem Wetter, waren wir fährten. Ich lege die Fährte dann nicht zu schwer und vor allen Dingen nicht zu lang. Gegen den Wind hat sie richtig „kämpfen müssen“. Aber wir haben das Ende der Fährte erreicht und sind beide mit uns zufrieden.
Karin Peperkorn, Essen